Bedürfnisorientierung – Och nee, ist dass das wo die Kinder alles kriegen was se wollen?!

„Du erziehst bedürfnisorientiert? Na, da halte ich ja nix von, den Kindern jeden Wunsch von den Augen abzulesen!“ Solche oder  ähnliche Kommentare kennen viele Eltern aus der BO (Bedürfnisorientert) Community. Irgendwie fühlt man sich ständig in Erklärungsnot, beginnt sich zu rechtfertigen und ärgert sich gleichzeitig darüber. Wie Nicola Schmidt kürzlich sagte: „Bedürfnisorientierte Erziehung ist kein neumodischer Kram – Sie ist der neueste Stand der Wissenschaft“ Es ist in zig Studien belegt, dass dies der Weg ist Kinder gesund und glücklich aufwachsen zu lassen. Das so viele Menschen darüber den Kopf schütteln, sich empören und unken, damit würde eine Generation von selbstgefälligen Egoisten herangezogen werden, hat sicher mehrere Gründe.

Als Demütigung selbstverständlicher Teil unseres Alltags war

Zum einen sind wir alle oder zumindest die Meisten von uns nicht so aufgewachsen, dass unsere Meinung, unsere Bedürfnisse unsere Sicht der Dinge zählte. Adultismus war an der Tagesordnung. Nachzufragen war nicht erwünscht, „Weil ich es sage“ musste genug Begründung für Handlungsanweisungen sein, denen wir doch bitteschön blind zu folgen hatten. Wer nicht spurte musste häufig mit Strafen rechnen, körperlichen oder welchen, die uns psychisch leiden liessen. Ich erinnere mich noch gut an unseren Pfarrer, der gleichzeitig Religionslehrer an meiner Grundschule war und tatsächlich noch Kinder mit dem Lineal auf die Finger schlug, an den Ohren zog und anbrüllte und an den Sportlehrer, der mich als „fetten Mehlsack“ bezeichnete, weil ich die Kletterstange nicht raufkam. Das war Usus. Und ich bin nicht in den Nachkriegsjahren auf einem abgeschiedenen Dorf zur Grundschule gegangen sondern Mitte der 80er Jahre in einem Vorort von München.

Ich weiß noch gut, wie viel Angst ich in der weiterführenden Schule vor der Mathelehrerin hatte, die regelmässig Kinder an die Tafel holte, um dort Aufgaben zu lösen und sich dann über diese lustig macht und sie vor der Klasse demütigte. Oft hatte ich tatsächlich Albträume von dieser Frau. Und wenn diese Methoden eines nicht getan haben, dann zu meinem Lernerfolg beizutragen. Ein Gehirn kann unter Stress nicht lernen. Es ist im Flight or Fight Modus, das rationale Denken, das Abwägen ist in dem Moment ausgeschalten, der Langzeitspeicher hat gerade Pause. Kein Kind lernt also besser, weil man es anschreit, bestraft, demütigt… so viel ist klar. Aus dieser Zeit haben viele von uns noch etliche negative Glaubenssätze, die uns oft wenig empathisch gegenüber anderen insbesondere Kindern handeln lassen.

Bedürfnisorientierung ist keine Einbahnstraße Richtung Kind

Der andere Grund warum Menschen der Bedürfnisorientierung so skeptisch entgegen stehen ist, dass sie den Begriff schlichtweg missverstehen. Auch sehr viele Eltern, die bedürfnisorientiert erziehen wollen, sitzen da einem Irrtum auf. Bedeutet es doch nicht seinem Kind jeden Wunsch zu erfüllen. Dazu muss erstmal zwischen Wunsch und Bedürfnis unterschieden werden. Lust auf Schokolade zum Beispiel ist kein Bedürfnis sondern ein Wunsch. Das dahintersteckende Bedürfnis nach Energie (weil zu wenig geschlafen, zu wenig gegessen etc.) kann sicher besser befriedigt werden (auch wenn ich absolut nix gegen Schokolade sagen will…! 😉 ). Und der Wunsch nach einem bestimmten Spielzeug ist kein Bedürfnis und ich muss dem nicht entsprechen um das Seelenheil meines Kindes zu wahren. Ich kann es aber durchaus ernst nehmen in seiner Wut und Trauer darüber, wenn es dieses nicht bekommt und es in seinen Gefühlsausbrüchen begleiten. So dass es sich gehört und gesehen fühlt. Wichtig für bedürfnisorientierte Erziehung ist vor allem, dass die Bedürfnisse ALLER gesehen und ernstgenommen werden. Völlig erschöpfte Eltern können keine gelassenen Eltern sein. Auch unser Bedürfnis nach Schlaf, Nahrung, Bewegung, Ruhe etc. ist wichtig und muss Platz im Alltag finden. Gerade mit Babys und Kleinkind ist das oft schwierig und manchmal muss man da zurückstecken und seine Bedürfnisbefriedigung zu Gunsten der des Kindes verschieben, aber nicht immer. Und es ist wichtig genau abzuwägen, wer gerade die größere Not hat und entsprechend zu priorisieren. Also nein, bedürfnisorientiert erziehen heißt NICHT jeden Wunsch des Kindes zu erfüllen. Es bedeutet die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Auge zu behalten und wenn möglich zu befriedigen.

Selbstfürsorge im Elternalltag

Eine gesunde Selbstvorsorge ist dabei für Eltern ist das A und O. Aus einem leeren Krug kann niemand schöpfen. Also sind Auszeiten für Eltern unerlässlich. Und in den Zeiten in den die Kinder tatsächlich noch so klein sind, dass sie quasi auf einem leben oder für alleinbegleitende Elternteile heißt die Devise: Entspannen mit Kind. Das kann sein, dass man den Zwerg/die Zwerge schnappt und einen Spaziergang im Grünen macht (mit Trage, Wagen oder Fahrzeug, je nachdem wie es für Euch gut läuft) vielleicht noch ein kleines Picknick  und Getränke dazu (muss ja kein Pinterestfähiges Fingerfood mit in Formen geschnitzem Obst sein, eine Packung Haferkekse und ein paar Äpfel und ein Messer zum Aufschneiden der selbigen tun´s auch) oder halt einfach mal lange heiß duschen während das Krabbelbaby auf dem Badezimmerboden mit verschiedenen Schüsseln, Deckeln, Kochlöffeln hantieren darf und einen sieht. Ich fand auch Hörbücher oder Musik hören via Kopfhörer beim Stillen oder Tragen immer toll und entspannend. Esst regelmäßig und einigermaßen ausgewogen. Trinkt auch noch was anderes außer Kaffee und horcht regelmäßig in Euch rein und fragt Euch: Was brauche ICH eigentlich?

Was ich sagen will ist: Nehmt Eure Bedürfnisse genauso ernst wie die Eurer Kinder! Sie lernen an Eurem Vorbild wie sie sich später mal um ihr eigenes Wohlbefinden kümmern werden. Und wenn Euch das nächste Mal einer einen doofen Kommentar zum Thema BO um die Ohren haut. Fragt doch mal nach, ob sie das wirklich interessiert und erklärt es dann gern, falls Ihr gerade den Nerv und die Ruhe dazu habt. Ansonsten begnügt Euch mit einem Lächeln oder auch nur einem Schulterzucken und geht Eures Wegs. Denn das ist es. Euer Weg als Eltern und den muss niemand sonst für gut heißen außer Ihr und Eure Kinder.

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